Diesen Artikel ausdrucken

Neue Zeitschrift für digitale Kunstgeschichte in München

22. Dezember 2014 | Add a Comment
Harald Klinke, einer der Mitbegründer des "International Journals for Digital Art History"

Harald Klinke, einer der Mitbegründer des “International Journals for Digital Art History”

“International Journal for Digital Art History”

München entwickelt sich zunehmend zu einem Vorreiter der digitalen Kunstgeschichte. Der Kunsthistoriker und Wirtschaftsinformatiker Dr. Harald Klinke ist seit Oktober 2014 Institutsassistent an der LMU und zeichnet sich hier verantwortlich für den Promotionsstudiengang “Digitale Kunstgeschichte”. Nun gründete er gemeinsam mit der Kunstwissenschaftlerin Liska Surkemper, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich der Architektur- und Kulturtheorie der TU München, das „International Journal for Digital Art History“. Die erste Ausgabe soll bereits im Frühjahr 2015 erscheinen.

Harald, was kann man sich unter dem Begriff  ’Digitale Kunstgeschichte’ vorstellen? Und was ist das zentrale Anliegen der Zeitschrift, die du gerade gemeinsam mit Liska Surkemper gegründet hast?
Digitale Kunstgeschichte bedeutet zunächst einmal eine Digitalisierung des Faches Kunstgeschichte bzw. der Kunstwissenschaft. Das heißt, im Zentrum steht hier also die Frage, die auch die allgemeine Frage der Digital Humanities ist: Wie können wir mit Hilfe der IT unsere klassischen Erkenntnisziele unterstützen und mithilfe des Computers ganz neue Methoden und Forschungsfelder entwickeln. Zweitens beschäftigt sich die digitale Kunstgeschichte auch mit einer Geschichte der digitalen Kunst. Nicht nur die Kunstwissenschaft verändert sich durch die Digitalisierung, sondern die Kunst selbst wird zunehmend digital. Die Motivation, die uns als Wissenschaftler und Herausgeber antreibt, ist letztlich die Frage, was die Kunstgeschichte als eine historische Wissenschaft zur Gegenwart beitragen kann – zur epochalen Revolution in den Bildmedien, die wir derzeit erleben. Wir leben in spannenden Zeiten und wir wollen sie mit dieser Zeitschrift mitgestalten.

Warum gibt es aber ein Journal dieser Art auch international bislang noch nicht, wo doch die Digital Humanities bereits recht stark etabliert scheinen?
Wir sind Teil der Digital Humanities und dort gut vernetzt. Diesem diszplinübergreifenden Forum und seiner Publikationen möchten wir nun eine fachspezifische Publikation hinzufügen und somit dem zentralen Thema des Bildes ein eigenes Sprachrohr geben. Damit begegnen wir auch den beiden Megatrends unserer Generation: der Digitalisierung und der Globalisierung. Diese Themen nehmen bislang noch keinen nennenswerten Platz in den klassischen kunsthistorischen Publikationen ein.  Oftmals findet man Themen der Digital Humanities eher in einer IT-Zeitschrift als in einer kunsthistorischen Fachpublikation. Und der zweite, wichtige Punkt ist die Vernetzung von Wissenschaftlern über dieses gemeinsame Themenspektrum und zwar weltweit.

Es gibt aktuell bereits einen Call for Manuscripts für die erste Ausgabe. Wer kann oder soll Artikel einsenden?
Primär widmet sich der Call an Kunsthistoriker und Informatiker. Neben neuen Methoden der Kunstgeschichte sollen aber auch fachnahe Themen wie die Veränderung der Museen durch Digitalisierung ihrer Sammlung oder ihr Umgang mit Sozialen Medien thematisiert werden. Der Themenschwerpunkt der ersten Ausgabe wird sich zunächst einmal spezifisch mit der Definition und Grenzziehung des Themas widmen. Der Call for Manuscripts läuft noch bis zum 30. Januar 2015. Darüberhinaus wünschen wir uns auch noch weiteren Input von außen – insbesondere in Form von Verstärkung im Bereich des digitalen Publizieren, Design und der digitalen Kommunikation. Hier bauen wir auf einen interdisziplinären Austausch.

Als ’featured author’ für die erste Ausgabe konntet ihr  Lev Manovich (@manovich) gewinnen. Kannst du kurz seine Stellung in der digitalen Kunstgeschichte skizzieren?
Seit den 1990er Jahren gilt Lev Manovich als einer der Vordenker des Internets und des digitalen Zeitalters. In seinem Buch „Software Takes Command“ beispielsweise deutet er die Auswirkungen von Software auf den Bereich der Kultur aus. Ihm geht es vor allem um die Bildverarbeitung und Visualisierung von Datenmaterial. Aktuell lehrt er an der N.Y. University (CUNY), wie die Bildverarbeitung ein neuer Weg in der Kunstgeschichte sein kann und aus meiner Sicht, auch sein muss.

Wie siehst du die Digitale Kunstgeschichte in Deutschland und vielleicht noch ganz spezifisch hier München vertreten?
In München haben wir am Kunsthistorischen Institut der LMU München mit Prof. Hubertus Kohle und Prof. Dr. Stephan Hoppe zwei sehr progressive Professoren im Bereich der Digitalen Kunstgeschichte.  Prof. Kohle begann schon sehr früh beispielsweise mit einem Open Peer Reviewed Journal der Kunstgeschichte eine Publikationsplattform zu stellen oder mit dem Social Tagging Projekt im Gameformat „ARTigo“ Bilddatenbanken durch neue Methoden der digitalen Geisteswissenschaften zu erschließen. Und Prof. Hoppe wird mit dem Akademieprojekt „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“  architekturgebundene Malerei erfassen, analysieren und digital publizieren. Dabei kommt eine semantische Wissensdatenbank zum Einsatz, die auch 3D-Medien beinhaltet. Also wiederum ein eigentlich klassisch kunsthistorisches Thema. München sehe ich daher im Hinblick auf die digitale Kunstgeschichte international mindestens auf Augenhöhe mit anderen Standorten. Und wir haben noch viel vor.

Was müsste sich in der Kunstwissenschaft aus deiner Perspektive verändern?
Wir brauchen Studenten und Nachwuchswissenschaftler mit einer ernstzunehmenden digitalen Kompetenz. Das Ziel der Lehre „Digitale Kunstgeschichte“ ist es aber sicherlich nicht, zukünftig Informatiker auszubilden, sondern Kunsthistoriker, die mit Informatikern kompetent sprechen können. Wenn wir diesen Nachwuchs haben, dann ändert sich der Rest von selber. Dann wird der Bereich „Digitale Kunstgeschichte“ in Zukunft seinen legitimen Platz haben. Und vielleicht lassen wir dann den Begriff ’Digital’ irgendwann einfach weg, weil das dann die Kunstgeschichte ist.

Warum ist das Journal beispielsweise auch auf Twitter (@dahjournal) präsent?
Gerade Twitter, noch vor allen anderen Social Media Plattformen, ermöglicht es im Bereich der Forschung sehr weitreichend zu kommunizieren – also weltweit. Weit besser und schneller als das mit herkömmlichen Mitteln, wie etwa der E-Mail oder mit Newslettern möglich wäre. Über mehrere Ecken, also durch die Follower meiner Follower, erreiche ich sehr zielgruppenspezifisch genau diejenigen, die sich für mein Thema interessieren. Unser Twitter-Account ist zwar momentan noch im Aufbau, aber bereits nach einem ersten Tweet hatte sich dieses Kommunikationsinstrument als sehr zweckdienlich erwiesen. Ich erreiche auf einfache Art und Weise genau die Kunsthistoriker, die sich für die digitale Kunstgeschichte interessieren.  Es lässt sich über Twitter auch sehr gut die astartige Verbreitung von Themen nachvollziehen. Im Vergleich mit Facebook kann man sagen:  Auf Facebook folgt man Personen, auf Twitter folgt man Themen.

Harald, vielleicht abschließend noch einmal in einem Satz. Was ist deine Botschaft?
Wir betreiben hier in München ganz zukunftsorientiert Digitale Kunstgeschichte und haben dafür eine Zeitschrift gegründet, die offen ist für alle spannenden Fragen aus diesem Themenspektrum, inklusive der benachbarten Kulturbranche, wie etwa den Museen.

International Journal for Digital Art History
Editors: Harald Klinke, Liska Surkemper
Editorial Board: Anna Bentkowska-Kafel, Günther Görz, Hubertus Kohle, Maximilian Schich
ISSN: 2363-5398 (print version)
ISSN: 2363-5401 (electronic version)
www.dah-journal.org 
@dahjournal

Filed in: Interview | Tags: , , , , , , , , , , , ,

Leave a Reply

Trackback URL | RSS Feed for This Entry